„Wir waren da richtig hinterher!“
Mit 13 entwickelte Swer mit seinem Team bei den Hackdays an seiner Schule in Niedersachsen eine App, die das Lernen für Klausuren erleichtern sollte. Doch nach den Hackdays war noch lange nicht Schluss. Sie machten weiter und sammelten Erfahrungen, die weit übers Programmieren hinausgingen. Seitdem sind sieben Jahre vergangen. Swer ist Make Your School verbunden geblieben. Wir haben ihn kürzlich wiedergetroffen: Was hat er aus dieser Zeit mitgenommen? Wie denkt er heute über seine Schulzeit? Und was wünscht er sich für junge Menschen?
Swer, du hast im Dezember 2019 mit deinem Team bei den Hackdays von Make Your School die App „Planner4School“ entwickelt. Wie seid ihr damals auf die Idee gekommen?
Ich erinnere mich noch, dass wir am Anfang der Hackdays verschiedene Fragestellungen von den Mentor*innen bekommen haben. Da gab es ein Plakat mit der Frage: Was stört uns am Schulalltag, was wollen wir verbessern? Und dann kamen wir schnell auf den Gedanken: Na ja, Klausuren nerven. So richtig mag man die ja nicht, und am liebsten möchte man so wenig Zeit wie möglich mit dem Lernen verbringen. Aber woher weiß man eigentlich, wie wenig zu wenig ist oder wie viel genug ist?
Daraus ist die Idee für eine App entstanden. Die soll einem sagen, wann man rechtzeitig anfangen muss, für Klausuren zu lernen. Nach jeder Unterrichtsstunde trägt man ein, wie gut man das Thema verstanden hat. Sobald der Klausurtermin feststeht, berechnet die App anhand dieser Angaben, wie viele Tage vorher man mit dem Lernen beginnen sollte, um ein bestimmtes Ergebnis zu erreichen oder sich zu verbessern. So ist unser Hack „Planner4School“ entstanden.
Nach den Hackdays war für euch aber noch lange nicht Schluss. Wie ging es mit Planner4School weiter?
Wir haben uns als Team einfach super verstanden und fanden das Thema so spannend, dass wir unbedingt weitermachen wollten. Das war ja auch der Impuls, den wir bei den Hackdays bekommen hatten: Wenn ihr Lust habt, macht weiter. Wir haben uns eine kleine Roadmap überlegt: Welche Funktionen könnten wir noch einbauen? Wie könnte die Menüführung aussehen? Brauchen wir ein neues Design? Bei den Hackdays hatten wir die App mit einem Baukastensystem erstellt, also nicht wirklich programmiert. Danach haben wir angefangen, sie in einer richtigen Programmiersprache umzusetzen.
Uns war klar, dass wir zunächst einen Prototyp entwickelt hatten und kein fertiges Produkt. Wir wollten aber gerne eine App daraus machen, die man tatsächlich im Alltag benutzen kann. Wir haben Testversionen weitergegeben und hatten ursprünglich sogar vor, sie zu veröffentlichen. Das ist dann an rechtlichen Vorgaben gescheitert. Wir waren ja alle noch nicht volljährig, und man kann nicht einfach so eine App in den App Store bringen.
Mit eurer App habt ihr euch auch für das Maker Festival beworben. Dafür habt ihr euch richtig reingekniet. Wie kam es dazu?
Bei den Hackdays hatten uns die Mentor*innen schon vom Maker Festival erzählt und einen Trailer aus Berlin gezeigt. Das hat uns überzeugt, allein schon, weil man eine Reise nach Berlin gewinnen konnte. Wir waren damals 13 oder 14 Jahre alt und kamen alle vom Dorf. Da ist es schon etwas Großes, für ein paar Tage in eine Großstadt eingeladen zu werden.
Also haben wir gesagt: Da wollen wir auf jeden Fall hin! Wir haben uns beworben und überlegt, wie wir auf uns aufmerksam machen können. Wie können wir zeigen, was wir entwickelt haben? Und wie können wir Leute dazu bringen, beim Publikumsvoting für uns abzustimmen? Dafür haben wir einen TikTok- und einen Instagram-Account aufgebaut und Inhalte produziert. Wir haben sogar Flyer in unserem eigenen Design drucken lassen und an der Schule verteilt. Wir waren da richtig hinterher. Wir wollten unbedingt nach Berlin und auch gewinnen. Im Nachhinein würde ich sagen, das war unsere erste Marketingkampagne!
Am Ende haben wir tatsächlich bei der Maker Woche 2020 den Publikumspreis gewonnen. Dass wir wegen Corona nicht direkt nach Berlin fahren konnten, konnte ja keiner wissen. Aber die Reise nach Berlin durften wir dann 2022 nachholen.
Wenn du heute an diese Zeit mit Make Your School zurückdenkst: Was ist dir besonders in Erinnerung geblieben?
Bei den Hackdays selbst war es schön, in diesem schulischen Kontext mal gesagt zu bekommen: Okay, ihr könnt jetzt quasi einmal alles machen, was ihr wollt, für ein paar Tage. Und dann am Ende zu zeigen, was man gemacht hat, und dafür positives Feedback zu bekommen, war wirklich schön.
Mein persönliches Highlight ist tatsächlich alles, was danach kam. Dass wir mit dem Team die Maker Woche gewonnen haben. Und dann die Reise nach Berlin. Ich bin heute öfter mal dort, auch weil Schulfreunde von mir nach Berlin gezogen sind. Und jedes Mal, wenn ich die Spree sehe, denke ich an diese Spreerundfahrt, die wir damals nach dem Maker Festival gemacht haben. Wir waren mit ganz vielen anderen Teams auf diesem Schiff unterwegs. Es war schon dunkel, draußen war alles beleuchtet, es wurde gegrillt. Wir haben die anderen Jugendlichen und das Make-Your-School-Team kennengelernt. Das war wirklich eine tolle Erfahrung. Da denke ich noch jedes Mal dran, wenn ich in Berlin bin.
Hast du aus dieser Zeit auch was für deine Ausbildung oder berufliche Orientierung mitgenommen?
Ich glaube schon, dass die Hackdays ein wichtiger Impuls war, einfach mal Dinge auszuprobieren, sich in etwas reinzufuchsen, mit dem man vorher noch nicht so viel zu tun hatte, und sich einfach zu trauen.
Und dann waren es so gesehen erste Erfahrungen im Projektmanagement. Man sitzt am Anfang als Team zusammen und überlegt: Was brauchen wir an Hardware und Software? Wer kann vielleicht schon was? Wie teilen wir die Arbeitsschritte auf? Und am Ende ist noch eine Präsentation. Das war damals natürlich alles super spielerisch und heruntergebrochen. Aber ich finde, das lässt sich ganz gut auf die spätere Arbeitswelt übertragen.
Auch die späteren Kooperationen mit Make Your School haben mich nochmal geprägt. Wir haben später gemeinsam noch verschiedene Social-Media-Videos produziert und ich durfte bei einem Maker Festival einen Instatakeover machen. Das hat mich tatsächlich auch noch mal mehr in die Richtung gebracht, in der ich jetzt bin.
Heute studierst du Medienmanagement. Wie bist du eigentlich zum Medienbereich gekommen?
Mir war schon relativ früh bewusst, dass ich, wie man so schön sagt, „irgendwas mit Medien“ machen möchte. Ich habe schon als Kind mit diesen alten Videokameras kleine Filmprojekte gemacht und dann noch ein DVD-Cover dafür gestaltet. Ich irgendwann angefangen, eigene Radiosendungen zu machen, nachdem ich ein Schnupperpraktikum bei einem lokalen Radiosender gemacht hatte. Später habe ich auch ein Praktikum beim NDR gemacht. Das hat irgendwie immer aufeinander aufgebaut. Ich habe diese Interessen nie aus den Augen verloren und jede Chance genutzt, die ich bekommen habe.
Heute finde ich vor allem Marketing und Social Media spannend. Aber ich möchte auch noch andere Bereiche kennenlernen. Ich bin gespannt, wo ich dann nach dem Studium lande. Aber die Medienbranche wird es auf jeden Fall sein.
Du hast während deiner Schulzeit schon viele eigene Projekte umgesetzt. Was hat dir bei deiner Berufsorientierung geholfen?
Ich durfte an der Schule zum Beispiel den Social-Media-Account unserer Schule mit aufbauen und bis zu meinem Abitur betreuen. Wir konnten an Filmprojekten mitwirken, und ich hatte die Möglichkeit, Praktika zu machen. Das waren alles tolle Erfahrungen. Aber vieles davon war freiwillig und fand außerhalb des Unterrichts statt. Ich habe auch keine Stunden angerechnet bekommen oder so. Und das ging sehr stark von meiner eigenen Initiative aus.
Das ist vielleicht etwas, das andere gar nicht so anspricht oder was sie sich zeitlich nicht leisten können. Nicht alle haben die Ressourcen, sich neben der Schule noch in solchen Projekten zu engagieren.
Du sagst, vieles hing von deiner eigenen Initiative ab. Wie könnte Schule junge Menschen da stärker unterstützen?
Ich glaube, Schule könnte uns noch viel besser auf die Arbeitswelt vorbereiten. Wie funktioniert die Arbeitswelt überhaupt? Wie bereitet man zum Beispiel Meetings vor? Man wird für ein Praktikum in ein Unternehmen geworfen, und steht da vielleicht zum ersten Mal und denkt sich: Okay, was mache ich hier eigentlich? Was will man jetzt von mir? Da könnte Schule einen viel besser an die Hand nehmen.
Und wenn ich mir grundsätzlich etwas wünschen dürfte, dann wären das vor allem mehr Freiheiten und Verantwortung. Nicht nur bei der Berufsorientierung, sondern auch im Unterricht. Dass man mehr Freiheiten bekommt, seinen Schulalltag selbst zu organisieren, und mehr Verantwortung dafür übernimmt, was man lernt und wie man lernt. Welche Themen brauche ich gerade wirklich? Was interessiert mich? Und welche Inhalte sind für eine moderne Gesellschaft relevant, zum Beispiel Medienkompetenz.
Vielleicht könnte man sich ab einer gewissen Altersstufe, zum Beispiel in der Oberstufe, Inhalte stärker selbst aussuchen oder selbst entscheiden, wie man sich bestimmte Themen erarbeitet. Lehrkräfte könnten dann stärker als unterstützende Mentor*innen fungieren. Natürlich braucht es auch Allgemeinbildung. Auch Mathe, selbst wenn mir das persönlich vielleicht nicht so gefällt. Aber anstatt sich nur auf die Schwächen zu konzentrieren, sollte man vielleicht mehr die Stärken ausbauen.
Ich glaube, dass einem diese Freiheiten und diese Verantwortung nicht nur inhaltlich, sondern auch methodisch sehr viel für das spätere Leben mitgeben können. Denn spätestens im Studium oder im Beruf muss man sich selbst organisieren. Und darauf könnte Schule viel stärker vorbereiten.
Du hast gerade Freiheit und Eigenverantwortung angesprochen. Wenn es um Jugendliche geht, wird oft über Handy- und Social-Media-Verbote diskutiert. Wie siehst du das?
Ich finde, bis zu einem gewissen Alter kann ein Handyverbot an Schulen schon sinnvoll sein. Aber eben nur bis zu einem gewissen Alter. Bei uns wurde zum Beispiel irgendwann ein Handyverbot auch für die Oberstufe eingeführt, also für Leute, die teilweise schon über 18 waren. Und da haben wir uns schon gefragt: Wir dürfen Auto fahren und so viele andere Dinge selbst entscheiden, aber in der Schule dürfen wir nicht mal in der Pause eine WhatsApp schreiben? Irgendwann ist man selbst dafür verantwortlich, was man aus dem Unterricht mitnimmt. Solange man niemanden stört, sollte man ab einem gewissen Alter auch selbst entscheiden dürfen.
Auch beim Thema Social Media gibt es ja immer wieder Verbotsdebatten. Ich glaube, man sollte nicht sagen: Wir wollen kein Social Media. Sondern: Wie können wir Social Media besser nutzen? Denn wegbekommen werden wir es sowieso nicht. Und dann sollten wir doch die Chance nutzen, jungen Menschen die Fähigkeiten dafür an die Hand zu geben. Hier kann auch die Schule mehr machen. Ich glaube, dass die Schule viel stärker darauf setzen sollte, Plattformlogiken zu erklären. Man muss verstehen, dass Feeds nicht neutral sind und dass Plattformen um unsere Aufmerksamkeit und Verweildauer kämpfen. Dazu kommen Quellenkritik und Faktenchecking. Das alles sollte man nicht nur mal nebenbei in einem Seminarfach erwähnen, sondern regelmäßig und fachübergreifend vermittelt werden.
Was wünschst du dir im Umgang mit deiner Generation?
Ich habe manchmal das Gefühl, dass gerade bei Themen, die junge Menschen betreffen, sehr viele Vorurteile im Raum stehen und man viel über sie spricht statt mit ihnen. Zum Beispiel diese Debatte darüber, ob die Gen Z faul ist und arbeiten will oder nicht. Oder das Stereotyp von der Generation, die nur noch am Handy hängt und süchtig nach Social Media ist.
Natürlich gibt es Probleme. Ich merke ja selbst, dass man manchmal auf Social Media hängen bleibt und immer weiter scrollt. Und natürlich sollte man Kinder und Jugendliche nicht einfach damit alleinlassen. Aber ich finde es falsch, nur die negativen Seiten zu sehen. Social Media ist für viele auch einfach ein Unterhaltungsmedium. Und es gibt dort auch gute journalistische Inhalte, Nachrichten, Informationen und kreative Formate. Das gehört genauso dazu.
Ich würde mir wünschen, dass man stärker versucht, die Perspektiven junger Menschen zu verstehen und sie in solche Diskussionen einzubeziehen. Und dass Schule uns die Fähigkeiten mitgibt, selbst gut und reflektiert damit umzugehen.