Tüftelcamp: 48 Stunden tüfteln und gestalten
Zugeparkte Radwege, Verkehrslärm, Müll auf Gehwegen und Stadtbäume, die im Sommer austrocknen: Wer bewusst durch die eigene Nachbarschaft läuft, entdeckt Vieles, was man am liebsten verändern würde. Genau damit beschäftigten sich die Teilnehmenden des Tüftelcamps – einem Pilotformat von Make Your School – fernab des gewohnten Schulalltags.
An einem sonnigen Novembertag trifft eine bunt zusammengewürfelte Gruppe im Makerspace Aalen aufeinander. Neugierige Blicke wandern durch den Raum und erkunden Materialien, Werkzeuge, blinkende Geräte und surrende 3D-Drucker. Drei Lehrkräfte und neun Schüler*innen im Alter von 13 bis 16 Jahren sind von unterschiedlichen Schulen zum Tüftelcamp angereist. Ihr Ziel: 48 Stunden gemeinsam tüfteln, die eigene Nachbarschaft verbessern und in die Hacking- und Making-Szene eintauchen. Den Teilnehmenden eröffnen sich – unterstützt vom Hackwerk Aalen und dem Makerspace des explorhino – die Türen zu Werkstätten und zu einer Haltung, die das Making prägt: ausprobieren, sich austauschen, fragen, scheitern, weitermachen und das Miteinander genießen.
Das Tüftelcamp: Ein außerschulisches Pilotformat in offener Werkstattatmosphäre
Das Tüftelcamp ist in vielerlei Hinsicht eine Premiere: Unter dem Motto „Hack Your Kiez“ tüfteln Schüler*innen und Lehrkräfte erstmals abseits des Klassenzimmers in gemischten Teams – ohne die gewohnten Rollen, Benotungen und Hierarchien. Making-Anfänger*innen treffen auf erfahrene Tüftler*innen und vorsichtige Beobachter*innen auf neugierige Macher*innen. Die Idee dahinter: Einen Raum schaffen, in dem Lehrkräfte und Schüler*innen sich auf Augenhöhe als Lernende begegnen und Lernen gemeinschaftlich stattfindet.
Hack Your Kiez: Was in 48 Stunden möglich ist? Ziemlich viel!
Zu Beginn nehmen die zwölf Teilnehmenden ihre Nachbarschaft unter die Lupe. Auf einem Plakat sammeln sie alles, was im Alltag stört. „Auf dem Gehweg liegt oft Müll“, stellt eine Schülerin fest. Auch falsch parkende Autos, Lärm oder wenig zwischenmenschliche Interaktion nennt die Gruppe als Herausforderung. Anschließend überlegen die Teilnehmenden, wie sie die Probleme lösen können. Schnell kommen rund 20 Ideen zusammen. Dann wird es knifflig: Was ist realistisch machbar? Worauf haben alle Lust? Zwei Ideen machen schließlich das Rennen und werden weiterverfolgt.
Mit Plotter, Lasercutter und 3D-Drucker erwecken die Teilnehmenden ihre Skizzen zum Leben. In nur 48 Stunden entstehen aus Ideen reale Prototypen: ein akustisches Warnsystem ertönt schallend, sobald Autos die Bushaltestelle blockieren. Ein smarter Mülleimer motiviert zu mehr Sauberkeit auf Gehwegen und trennt den Müll direkt per Knopfdruck. Zum Abschluss verwandeln die Teams den Makerspace Aalen in einen Marktplatz der Ideen und präsentieren den Besucher*innen ihre Prototypen.
Workshops zu Elektronik, Lasercutting und CNC-Fräse stehen beim Tüftelcamp auch auf dem Programm. Ein Blick hinter die Kulissen des neu eröffneten Science Domes im Digital Innovation Space Aalen rundet das Programm ab.
Was wir mitnehmen: Überraschungen, Erkenntnisse und Potenziale
Rückblickend war es spannend, wie schnell sich eine lebendige Gruppendynamik entwickelte, die vom gemeinsamen Arbeiten profitierte. Teilnehmende aus unterschiedlichen Schulen lernten sich kennen, arbeiteten in wechselnden Teams zusammen und präsentierten am Ende ihre Ergebnisse. All das schuf eine Atmosphäre von Stolz und gegenseitiger Wertschätzung.
Eine besonders spannende Beobachtung zeigte sich gleich zu Beginn: Während viele Schüler*innen schnell ins Ausprobieren kamen, brauchten einige Lehrkräfte etwas mehr Zeit, um sich auf das offene Setting einzulassen. Genau in diesen Momenten entstand etwas Besonderes: Schüler*innen erklärten und zeigten, während Lehrkräfte fragten, dazu lernten und tüftelten. Rollen verschoben sich, Aufgaben wurden nach Können, Interesse oder auch Neugier verteilt, und Hierarchien traten in den Hintergrund. Lernen wurde sichtbar als gemeinsamer Prozess und Spaß.
Gleichzeitig zeigte sich deutlich: Offenheit braucht Struktur. Die Teilnehmenden brachten sehr unterschiedliche Vorerfahrungen mit, nicht alle fühlten sich in dem offenen Setting automatisch wohl. Manche brauchten mehr Orientierung und Anleitung, für andere waren kreative Zugänge über das technische hinaus wichtig. Makingbildung bietet hier das Potential, Technik mit Kreativität und handwerklicher Arbeit – etwa mit Textil und Holz – zu verbinden und so vielfältige Zugänge zu schaffen.
Unsere wichtigsten Learnings
- Gemeinsames Lernen von Schüler*innen und Lehrkräften auf Augenhöhe wirkt stark, braucht aber eine gute pädagogische Begleitung.
- Heterogene Gruppen sind ein Gewinn, erfordern jedoch niedrigschwellige Einstiege und unterschiedliche Zugänge ins Making und den MINT-Bereich.
- Außerschulische Orte verändern Lernhaltungen bei allen Beteiligten spürbar.
Und wie geht es weiter?
Als die Schüler*innen und Lehrkräfte nach 48 intensiven Stunden schließlich aus Aalen abreisen, hat sich ihr Blick auf die eigene Nachbarschaft verändert – auf zugeparkte Radwege, Verkehrslärm und Müll auf Gehwegen. Neben konkreten Ideen und Lösungen nehmen sie die Erfahrung mit, gemeinsam etwas verändern zu können. Besonders in Erinnerung bleibt der „Austausch mit den herzlichsten und tollsten Menschen“, wie eine Teilnehmerin das Tüftelcamp zum Abschied zusammenfasst.
Für Make Your School war das Tüftelcamp ein Pilot und ein bewusstes Experiment. Es hat bestätigt, dass es sich lohnt, neue Formate jenseits des Schulalltags zu erproben und weiterzuentwickeln. Für die Zukunft denken wir über weitere Tüftelcamps im außerschulischen Kontext nach: mit mehr Zeit, klarer pädagogischer Begleitung und größerer Gruppe. Klar ist: Offenes Lernen durch Makingbildung lässt sich gemeinsam gestalten, egal in welcher schulischen Rolle man steckt. Genau dafür wollen wir weiterhin Räume schaffen – auch außerhalb der Schule.