The girlies are building cyberdecks: Wenn Frauen in Technik sichtbar werden
Sie sind bunt und meist noch dekoriert mit Glitzersteinchen oder süßen Figuren. Ihre Gehäuse sind aus Lego, alten Polly-Pocket-Teilen oder sogar aus Fast-Food-Verpackungen. Es geht um die Cyberdecks, die vor allem durch Creatorinnen auf Social Media trenden. Mit ihnen machen Frauen sichtbar, dass Technik längst auch ihnen gehört.
Cyberdecks sind selbstgebaute Mini-Computer, meist mit einem Raspberry Pi als Basis. Das Prinzip dieses Do-It-Yourself-Projekts: entscheiden, was das Gerät machen soll, dann ein Gehäuse aussuchen und die Technik einbauen. So entsteht etwa ein kleiner Taschenrechner, eine Spielekonsole, ein E-Reader oder ein digitales Minihaustier (Erinnert ihr euch noch an Tamagotchis?).
Die Idee ist nicht neu. Der Begriff Cyberdeck taucht bereits in den 1980er Jahren in William Gibsons Sci-Fi-Buch Neuromancer auf und ist eng mit der Cyberpunk-Ästhetik verbunden. Schon länger teilt die Making-Community auf Social Media Tipps und Tricks, die den Einstieg für Anfänger*innen erleichtern.
Auffällig am derzeitigen Cyberdeck-Trend auf Instagram und TikTok ist die Gestaltung: Viele Cyberdecks sind bewusst pink, glitzernd und niedlich dekoriert. Vor allem Frauen posten stolz ihre „cute tech“-Decks, u.a. @miss.molerat, @bossbratbimbo, @mewtru, @learn.to.code.with.ali). Die Creator*innen verbinden Technik mit einer Ästhetik, die häufig als feminin gilt und in klassischen Darstellungen von Computern und Informatik kaum vorkommt. Sie basteln, tüfteln und programmieren nach ihren eigenen Vorstellungen. Damit stellen sie nicht nur die Frage, wie Technik aussehen kann. Sie hinterfragen auch das gängige Bild davon, wer eigentlich tüftelt, programmiert und Technik entwickelt.
Vorbilder, die in der Popkultur fehlen: Frauen in technischen Berufen
Unsere Vorstellung vom typischen Techprofi entsteht nicht im luftleeren Raum. Auch Filme, Serien und andere Medien prägen, wen wir mit Informatik, Technik und Erfindungsgeist verbinden. Wer an technikaffine Figuren aus Filmen und Serien denkt, hat vermutlich schnell männliche Charaktere vor Augen: Doc Brown aus „Zurück in die Zukunft“, Rick Sanchez aus „Rick and Morty“ oder Daniel Düsentrieb. Aber was ist mit Erfinderinnen, Tüftlerinnen und Programmiererinnen? Um auf ein paar Namen zu kommen, brauchte ich etwas Hilfe. Das Brainstorming mit Freund*innen und Kolleg*innen hat ergeben:
- Prinzessin Shuri („Black Panther“, Erfinderin und Ingenieurin)
- Audrey Ramirez („Atlantis“, Chefmechanikerin)
- Mei Hatsume („My Hero Academia“, Erfinderin und Ingenieurin)
- B’Elanna Torres („Star Trek“, Chefingenieurin)
- Violet Baudelaire („Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“, Erfinderin und Ingenieurin)
- Gypsy („Gilmore Girls“, Automechanikerin)
- Jinx („League of Legends“, Erfinderin)
Sie sind also da, aber deutlich weniger präsent. Das zeigt auch die Studie „Portray Her 2.0“ des Geena Davis Institute von 2024. In US-Unterhaltungsmedien treten Männer in MINT-Berufen deutlich häufiger auf als Frauen, vor allem im Ingenieurwesen und in Computerberufen. Allerdings hat die Studie auch gezeigt, dass die Zahl von Frauen in MINT-Berufen in neuen Filmen und Serien steigt: Zwischen 2007 und 2017 waren noch zwei Prozent der Frauen Ingenieurinnen; zwischen 2018 und 2022 schon 13 Prozent. Die Anzahl an Informatikerinnen und Programmiererinnen ist von sieben Prozent auf 15 Prozent gestiegen.
Dabei kommt es aber nicht nur darauf an, dass Frauen in technischen Rollen vorkommen, sondern auch darauf, wie sie dargestellt werden. Oft bleibt ihre Darstellung stereotypisch oder auf Nebenfiguren beschränkt. So erscheinen Wissenschaftlerinnen etwa als sozial unbeholfene „Nerds“ – wie in der Serie The Big Bang Theory, während Figuren wie Gypsy aus „Gilmore Girls“ oder Mei Hatsume aus „My Hero Academia“ nur wenig Raum erhalten.
Fiktionale Darstellungen spiegeln die Realität nicht nur wider, sie verändern sie auch
Eine Befragung des Geena Davis Institute zeigt, dass die Darstellung weiblicher Figuren in MINT-Berufen viele Schülerinnen und Studentinnen positiv beeinflusst hat, solche Berufe als realistische Perspektive wahrzunehmen.
Wie prägend solche Vorbilder sein können, macht der sogenannte „Scully-Effekt“ deutlich: Die Figur Dana Scully aus der Serie „Akte X“ inspirierte in den 1990ern zahlreiche Frauen, einer MINT-Karriere nachzugehen. Das zeigt, wie wichtig die positive Darstellung einer Frau in der Popkultur ist. Frauen werden so bestärkt, sich selbst in einem männlich dominierten Berufsfeld zu sehen und erfolgreich zu sein. Der Slogan des Geena Davis Institute fasst es kurz und knapp zusammen: „If they can see it, they can be it.“
Wie Frauen auf Social Media zeigen, dass Technik längst ihnen gehört
Auch im realen Leben sind Informatik und Technik immer noch männerdominierte Berufsfelder. Technologien werden meist aus einer männlichen Perspektive entwickelt. Um Diskriminierung entgegenzuwirken und Veränderung anzukurbeln, eignen sich Frauen Techniken vermehrt selbst an und zeigen dies auf Social Media.
Sogenannte MINTfluencerinnen zeigen dort ihre Arbeit als Softwareentwicklerin, Astronautin oder Ingenieurin. Mit einem unkonventionellen und teils humorvollen Auftreten brechen sie das gewohnte Bild einer Person in Technik oder Informatik. Dieses Infragestellen der stereotypischen Darstellungen von Frauen in MINT schätzen MINT-Studentinnen und -Fachkräfte.
Auch der Cyberdeck-Trend reiht sich hier ein. Gerade er zeigt, wie selbstverständlich Technik, DIY und eine bewusst feminine Ästhetik zusammengehen können: Pink, Glitzer und alte Polly-Pocket-Gehäuse stehen nicht im Gegensatz zu Programmierung und Elektronik, sondern gehören ganz selbstverständlich dazu.
Technik wird so nicht nur sichtbarer für Mädchen und Frauen, sondern auch als etwas empfunden, was sie gestalten, reparieren und sich selbst aneignen können. Solche Trends und die steigende Repräsentation von Frauen in technischen Berufen in der Popkultur machen Hoffnung auf eine diversere Zukunft. Oder wie Dr. Michele Meyer vom Geena Davis Institute es so schön gesagt hat: „Das klingt kitschig, aber wir sollten die Welt beschreiben, die wir uns wünschen, und nicht die Welt, wie sie ist.“
Vielleicht wird es mal Zeit, meine alten Legoteile wieder herauszuholen und mir daraus einen E-Reader zu basteln.