„Nach dem ersten Piloten wussten wir sofort: Es funktioniert!“
Make Your School wird zehn Jahre alt. Wie aus der ersten Hackdays-Idee ein Bildungsformat wurde, das bis heute trägt und warum es auch heute noch aktuell ist, erzählen die Wegbereiterinnen – die ehemalige Projektleiterin Elena Tibi und die damalige Referentin der Klaus Tschira Stiftung Mara Hölz – im Gespräch.
Wenn man heute auf Make Your School schaut, sieht man Hackdays, ein bundesweites Partner-Netzwerk und tausende Jugendliche, die jährlich Prototypen bauen. Liebe Elena, liebe Mara, ihr habt das Format vor zehn Jahren in der Pilotphase und danach begleitet. Welche Idee stand am Anfang? Welches Problem wolltet ihr damals lösen?
Elena Tibi: Informatisch-technische Bildung war damals in Schulen sehr uneinheitlich gelöst, Informatikunterricht nur in wenigen Schulformen und Bundesländern fest vorgesehen. Gleichzeitig hatten wir bei Wissenschaft im Dialog (WiD) gerade das Projekt Hack Your City umgesetzt. Dabei ging es darum, gemeinsam Ideen für die eigene Stadt zu entwickeln und auch Prototypen zu bauen. Im Gespräch mit der Klaus Tschira Stiftung kam dann die Idee auf, dieses Format auf Schulen zu übertragen.
Mara Hölz: Eine der ersten Diskussionen war tatsächlich der Name, denn am Anfang hieß das Projekt noch Hack your School. Da haben wir lange diskutiert, ob „Hacken“ nicht zu negativ besetzt ist. Bei Hackern denken viele erst einmal an etwas Kriminelles. Die Frage war: Verstehen Lehrkräfte, was mit Hacken gemeint ist? Oder denken sie vielleicht gleich: Das ist nichts für uns? Am Ende wurde daraus Make Your School.
Elena: Und Making trifft es inhaltlich auch sehr gut. Es ging uns darum, Schüler*innen zu aktivieren, sich Gedanken über ihre eigene Schule zu machen, sie mitzugestalten und überhaupt zu erleben: Ich kann meine Umgebung verändern. Die Kombination aus Design Thinking, Projektarbeit und Prototyping gab es damals an Schulen so gut wie nicht. Diese Nische wollten wir besetzen und haben dann mehrere Varianten des Formats in der Pilotphase umgesetzt.
Ihr seid also nicht mit einem fertigen Format gestartet?
Elena: Nein, überhaupt nicht. Wir sind ziemlich offen mit der Frage reingegangen: Funktioniert das Format als Projekttage an Schulen oder nicht? Ich konnte mir selbst gar nicht richtig vorstellen, wie so ein Hackathon an Schulen überhaupt abläuft.
Mara: Das war wirklich ein Ausprobieren. Und genau deshalb war die Pilotphase auch so wichtig.
Wie seid ihr dann konkret vorgegangen?
Elena: Wir sind teilweise auf Schulen aus dem WiD-Netzwerk zugegangen. Aber wir haben auch bewusst Schulen angesprochen, die noch nicht so viele außerschulische Kooperationen hatten. Dann haben wir Menschen aus der Makingszene in den jeweiligen Regionen der Schulen gesucht. Wir haben Makingspaces angeschrieben und unser Vorhaben beschrieben: Wer hat Expertise und Lust, sich auf dieses Abenteuer einzulassen und einfach mal zu schauen, wie das mit Schüler*innen funktioniert?
Mit diesen Menschen wurden dann die Pilotveranstaltungen organisiert. Die Struktur war grob schon wie bei einem klassischen Hackathon: Ideenfindung, Making-Phase und anschließend Präsentation. Aber innerhalb dieser Struktur haben alle mitgestaltet. Und diese Grundstruktur ist bis heute erhalten geblieben. Da lagen wir offenbar von Anfang an ganz gut.
Was war für die Klaus Tschira Stiftung der Grund, dieses offene Experiment zu unterstützen?
Mara: Die Stiftung steht dafür, Neues auszuprobieren. Diese Anschubförderung war für Make Your School sehr passend. Die Stiftung hatte vorher außerdem schon den Jugendsoftwarepreis ausgerichtet. Der Gedanke, Informatik stärker in Schulen zu bringen, war also schon da. Ich erinnere mich an eine Frage, die uns damals beschäftigt hat: Alle Schüler*innen können wunderbar mit ihrem Smartphone umgehen. Aber welche Technik steckt eigentlich dahinter? Das verstehen ja die wenigsten. Uns war aber wichtig, das nicht nur zu erklären, sondern dass auch vermittelt wird: Du kannst so etwas selbst programmieren.
Wann habt ihr gemerkt, dass das Format Hackdays funktioniert?
Elena: Nach dem ersten Piloten wussten wir sofort: Es funktioniert! Es gab Stellschrauben, an denen wir drehen mussten, ja. Aber grundsätzlich hat das Format die Schüler*innen direkt aktiviert.
Ich erinnere mich sehr gut an diese ersten Hackdays in Rüsselsheim. Niemand wusste genau, was an diesem Tag passieren würde. Auch die Lehrkräfte waren nervös. Wir hatten eine bunte Mischung an Materialien bestellt, aber noch sehr wenig Vorstellung davon, was es wirklich braucht. Trotzdem haben wir einfach losgelegt. Wenn für eine Idee der Schüler*innen noch etwas fehlte, sind die Lehrkräfte tatsächlich noch einmal losgefahren, um zu schauen, wo sie das bekommen können. Alle wollten möglich machen, was die Jugendlichen sich überlegt hatten. Ein Hack war zum Beispiel ein Schulmodell, um sich orientieren zu können. Man konnte auf Raumnummern klicken und in dem Raum haben dann LEDs geleuchtet. Ein Anderer war eine Krankmelde-App – damals ein neuer Gedanke. Heute bieten viele Schulen die Möglichkeit, sich digital krank zu melden.
Und auch die Schüler*innen waren zunächst zurückhaltend. Sie wussten ja nicht, was da auf sie zukommt. Aber dann ging es sehr schnell: Was stört uns an unserer Schule? Was könnten wir verbessern? Wo können wir uns einbringen? Und dann haben sie losgelegt. Diese Dynamik zu beobachten, ohne ihnen die Ideen vorzugeben, war schon besonders.
Gab es auch Elemente, die gar nicht funktioniert haben?
Mara: Bei den allerersten Hackdays gab es noch eine Preisverleihung für den besten Hack. Das hat aber große Enttäuschung bei allen ausgelöst, die eben keinen Preis gewonnen haben. Schüler*innen dachten dann, ihre Idee sei nicht gut genug gewesen. Dabei sollten die Hackdays genau das Gegenteil erreichen: aktivieren und motivieren, eigene Ideen zu entwickeln und gemeinsam etwas auszuprobieren. Zu bewerten, welche Idee die innovativste ist, war dafür kontraproduktiv.
Elena: Das war für mich eines der wichtigsten frühen Learnings: Wir wollen keine Wettbewerbssituation. Es geht darum, dass Jugendliche gemeinsam eine positive, konstruktive Lernerfahrung machen und merken: Ich kann etwas entwickeln. Ich kann etwas ausprobieren. Und wenn etwas nicht funktioniert, kann ich einen anderen Weg versuchen.
Wie seid ihr dann von den Pilotvarianten auf das finale Konzept gekommen?
Elena: Wir haben gemeinsam mit allen Beteiligten auf die Punkte geschaut, bei denen uns in der Pilotphase etwas aufgefallen war. Daraufhin haben wir dann das Konzept weiter verfeinert.
Mara: Dabei sind zum Beispiel die Templates entstanden, mit denen die Schüler*innen ihre Projekte und ihre Teamarbeit strukturieren können.
Elena: Besonders wichtig war außerdem, dass wir ganze Klassen einbinden können und damit auch Schüler*innen dabei waren, die sich freiwillig vielleicht gar nicht gemeldet hätten. Da dachte ich: Ja, cool, hier bewirken wir wirklich etwas. Und auch der Service-Gedanke hinter den Hackdays ist so aktuell wie eh und je. Das Format soll die Teilnahme für Schulen so leicht wie möglich machen. Deshalb bringt das Projekt Mentor*innen, Materialien und vieles andere mit. Die Lehrkräfte sollen nicht zusätzlich einen riesigen organisatorischen Aufwand haben. Trotzdem sind sie vor Ort unverzichtbar. Sie kennen ihre Schüler*innen und können Situationen einschätzen, die wir als externe Personen gar nicht kennen.
Das Materialkoffer-Set ist ein weiteres Herzstück des Konzepts. Was hat dafür gesprochen, das Materialthema so zu lösen?
Elena: In der Pilotphase bekam jede Schule 3.000 Euro und konnte damit im Vorfeld Materialien einkaufen. Dabei haben wir gemerkt: Es wird viel gekauft, weil man denkt, man könnte es gebrauchen und hinterher wird vieles gar nicht genutzt. Also mussten wir das effizienter machen. Daraus ist dann das Materialkoffer-Set entstanden. So etwas wie ein mobiler Makerspace, der zu allen Hackdays geschickt wird, mit Sensoren, Aktoren, aber auch Kleber, Hammer und Legosteinen. Kurz: eine Grundausstattung an Materialien, die nach der Veranstaltung wieder aufgefüllt wird. Wir haben gemeinsam überlegt: Was muss da eigentlich alles rein? Was brauchen die Schüler*innen? Als wir den Koffer dann zum ersten Mal gesehen haben, war Mara auch dabei. Ich erinnere mich noch daran, wie fasziniert sie selbst davon war und sie hat sich bei vielen Dingen gefragt: Was ist das eigentlich?
Mara: Genau. Und das war schön, weil es den Jugendlichen genauso gehen sollte: technische Bauteile kennenlernen, die sie vorher noch nie gesehen hatten, und einfach ausprobieren.
Was macht die Hackdays aus eurer Sicht auch zehn Jahre später noch aktuell?
Elena: Sie vermitteln Kompetenzen, die in klassischen Schulfächern nicht unbedingt den gleichen Stellenwert haben: Kreativität, Problemlösung und Frustrationstoleranz. Jugendliche merken zum Beispiel: Mist, ich komme hier gerade nicht weiter. Und dann müssen sie einen anderen Weg finden.
Das sind Kompetenzen auf einer sehr menschlichen Ebene. Ich glaube, heute wird noch deutlicher, wie wichtig sie sind. Außerdem ist Informatik nach wie vor nicht flächendeckend als Pflichtfach eingeführt. Die Frage, wie Schüler*innen Zugang zu informatisch-technischer Bildung kommen, ist also weiterhin relevant.
Letzten Endes kann Schule gar nicht alles alleine leisten, wenn es darum geht, junge Menschen auf die Zukunft vorzubereiten. Dafür braucht es auch Impulse von außen.