Mission Scheitern, Mission Erfolg: Annemarie Lohse im Interview
Sieben Jahre hat Annemarie Lohse an einer Mission mitgearbeitet, die Menschen bis hinter den Mond führt. Als Raumfahrtingenieurin weiß sie: Hinter solchen Erfolgen stecken nicht nur Berechnungen und perfekte Pläne, sondern auch viele Fehlversuche. Ganz ähnlich ist es beim Making: Auch ein Prototyp funktioniert selten beim ersten Versuch. Wie geht man damit um, wenn etwas nicht klappt? Darüber spricht Artemis-Raumfahrtingenieurin Annemarie Lohse in ihrer Keynote „Mission Scheitern – Mission Erfolg“ beim Maker Festival 2026. Wir haben vorab mit ihr gesprochen.
Du hast mehrere Jahre an der Artemis-Mission gearbeitet. Was war dabei deine konkrete Aufgabe?
Als Major Spacecraft Delivery Lead bei Airbus Defence and Space war ich für die Lebenserhaltungssysteme der Kapsel verantwortlich. Im Weltraum gibt es keine Luft und kein Wasser. Alles, was die Astronaut*innen brauchen, müssen wir von Anfang an mitnehmen. Ich habe an dem System gearbeitet, das dafür sorgt, dass es in der Kabine Sauerstoff und Wasser gibt und der richtige Druck erhalten bleibt.
Was war für dich bisher der schönste oder eindrücklichste Moment bei der Arbeit an Artemis?
Während der Mission selbst sind die Astronaut*innen hinter dem Mond entlanggeflogen. Dort haben sie einen Krater gesehen und ihn nach der verstorbenen Frau des Missionskommandanten benannt. Ich erinnere mich noch genau: Ich saß in einem Online-Meeting, als plötzlich unser Meeting und alle anderen unterbrochen wurden. Für einen Moment war es überall ganz still. Das war ein absoluter Gänsehautmoment. Viele von uns hatten Tränen in den Augen, ich auch. Mich hat das so bewegt, weil das so menschlich war, was sie getan haben.
Wir entdecken, wir gehen neue Wege und machen großartige Dinge. Aber zum Menschsein gehört eben auch Trauer dazu. In diesem Moment haben wir diesen sehr menschlichen Aspekt unglaublich weit ins Universum hinausgetragen. Wir haben uns den Astronaut*innen sehr verbunden gefühlt, obwohl sie wortwörtlich weiter weg waren als je ein Mensch zuvor.
Und dann sind für mich auch die Momente besonders, in denen man gemeinsam ein Problem löst und sich plötzlich bewusst wird: Hier sind wirklich Weltklasse-Ingenieur*innen zusammengekommen. Viele von uns haben sich noch nie persönlich gesehen und wir arbeiten trotzdem Hand in Hand an dieser Mission.
Du hast schon das Stichwort Problemlösen genannt. Auch beim Hacking und Making ist es ein wichtiger Aspekt. Beim Maker Festival hältst du die Keynote „Mission Scheitern – Mission Erfolg“. Warum ist Scheitern in der Raumfahrt, aber auch darüber hinaus, so wichtig?
Wenn wir Raumfahrt machen, bewegen wir uns immer wieder an den Grenzen des technisch Machbaren und betreten Neuland. Als Ingenieur*innen wollen wir natürlich am liebsten alles vorher genau verstehen. Wir wollen nicht scheitern. Wir analysieren, berechnen und machen Pläne. Aber Berechnungen und Analysen sind nie perfekt, irgendwann müssen sie den Reality-Check bestehen.
Dafür sind Tests da. Wenn bei einem Test etwas nicht funktioniert, ist das eigentlich das Beste, was passieren kann. Denn dann haben wir den Fehler in einer sicheren Umgebung gefunden, können ihn analysieren und daraus lernen. Auch Artemis 2 war ein Test, der zweite Test.
Am Ende baut jeder große Erfolg auf vielen Dingen auf, die vorher nicht funktioniert haben. Und ich kenne das von mir selbst: Scheitern fühlt sich erst einmal schlecht an. Aber genau daraus lerne ich. Erst lerne ich aus meinen eigenen Fehlern, dann aus den Fehlern anderer. Die nächste Stufe ist für mich, eine professionelle Fehlermacherin zu sein. Ich bereite meine Versuche so vor, dass ich aus dem Scheitern möglichst viel lernen kann. Dann bin ich Wissenschaftlerin, denn das ist am Ende des Tages Wissenschaft.
Beim Maker Festival zeigen Jugendliche ihre eigenen Prototypen – und dabei gehört „Trial and Error“ dazu. Was möchtest du ihnen für den Moment mitgeben, in dem etwas nicht funktioniert?
Jeder Fehlversuch ist ein Schritt zu dem Moment, in dem es funktioniert. Wenn du wüsstest, dass du nur noch zwei Prototypen davon entfernt bist, dein Ziel zu erreichen, würdest du dich vielleicht sogar darüber freuen, dass dieser gerade kaputtgegangen ist.
Natürlich weiß man vorher nie, wie viele Versuche es noch braucht. Aber man kann versuchen, die Perspektive zu verändern: Dieser Fehlversuch war nicht umsonst, sondern einfach ein weiterer Schritt.
Worauf freust du dich beim Maker Festival besonders?
Ich freue mich darauf, mit den Schüler*innen ins Gespräch zu kommen und ihre Fragen und Gedanken zu hören. Und vielleicht sehen mich dort einige Mädchen und denken: „Die ist cool. Ich kann das auch. Ich will das auch.“ Wenn also am Ende nur ein Mädchen sagt: „Ich möchte Raumfahrttechnik studieren“, wäre das großartig.
Mehr über Fehler, Scheitern und Erfolg erzählt Annemarie Lohse am 19. September beim Maker Festival in ihrer Keynote „Mission Scheitern – Mission Erfolg“.